Was bedeutet Earnings at Risk (EaR)?

Grundsätzlich ist das unter dem Namen Cash Flow at Risk vorgestellte Konzept für alle Arten von Exposuredefinitionen anwendbar, sofern Stromgrößen statt Bestandsgrößen der Risikomessung zu Grunde liegen. In der Literatur werden alternative Exposuredefinitonen wie z.B. Earnings per Share at Risk, Shareholder Value at Risk oder Balance Sheet Translation Risk angedacht. Alle weiterführenden Konzepte basieren jedoch entweder auf dem Cash Flow oder auf den handelsrechtlichen Erträgen und Aufwendungen (Earnings).

Während der Cash Flow at Risk aus den erwarteten Einnahmen und Ausgaben berechnet wird, gehen in die Earnings at Risk die erwarteten Erträge und Aufwendungen des Unternehmens ein. Im Earnings at Risk Ansatz werden die Auswirkungen von finanziellen Risiken auf den handelsrechtlichen Jahresgewinn simuliert, aus dem externe Analysten und Investoren Kennzahlen zur Bewertung des Unternehmens wie z.B. die Price-Earnings Ratio und den Return-on-Equity herleiten. Die Begrenzung der Volatilität von Erträgen kann zu einer Steigerung von Aktienkurs und Shareholder Value des Unternehmens führen. Die amerikansichen börsennotierten Aktiengesellschaften sind von der nationalen Aufsichtsbehörde SEC zur quartalsweisen Earnings-Berichterstattung verpflichtet, so dass ein Earnings at Risk Modell dazu dienen kann, um frühzeitig einer negativen Entwicklung von Unternehmenskennzahlen gegenzu-steuern.    

Die Unterschiede zwischen Earnings at Risk und Cash Flow at Risk lassen sich aus den Unterschieden zwischen handelsrechtlicher und pagatorischer Erfassung der Zahlungsströme ableiten. Beispielsweise führt die Durchführung einer Investition pagatorisch zu einer sofortigen, aber einmaligen Auszahlung in Höhe des Anschaffungspreises, während in der handelsrechtlichen Gewinn- und Verlustrechnung der Kaufpreis in Form von Abschreibungen über die Nutzungsdauer verteilt wird. Es wird deutlich, dass es zwischen Earnings at risk und Cash Flow at Risk Unterschiede bezüglich Betrag und Zeitpunkt einer Zahlung geben kann.

Beispiel: Aus einer monatlichen Simulation der Aufwendungen und Erträge wird die Verteilungsfunktion für den Jahreserfolg abgeleitet. Das 5 % - Quantil der Verteilung der GuV-Ergebnisse ergibt im EaR-Ansatz den Erfolg, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % nicht durch Marktpreisschwankungen unterschritten wird. Mit dieser Risikoprognose kann das Unternehmen prüfen, ob der geplante bilanzielle Erfolgsausweis gefährdet ist.

Durch handelsrechtliche Vorschriften können sich bei dem Cash Flow at Risk und Earnings at Risk Analysen unterschiedliche Risiko-wirkungen für ein und dieselbe Position ergeben. Beispielsweise kann der Einsatz derivativer Instrumente die Earnings at Risk erhöhen, während gleichzeitig der Cash Flow at Risk gesenkt wird. Der Fall wird regelmäßig dann eintreten, wenn auf Grund nationaler Rechnungslegungsvorschriften die Verwendung eines derivativen Instruments nicht als Hedginggeschäft anerkannt wird und somit als eine zusätzliche Risikoposition zu werten ist. In diesem Fall steigt der Earnings at Risk, gleichzeitig sinkt der Cash Flow at Risk durch die risikomindernde Wirkung des Derivats.

Das Cash Flow at Risk Konzept ist für die Zwecke der Risikosteuerung dem Earnings at Risk Konzept überlegen, da letzteres Konzept auf Grund von handels-echtlichen Restriktionen zu falschen Steuerungsinformationen führen kann. Zudem eröffnet sich ein großer Spielraum bei der Frage, welche Erträge der Messung zu Grunde gelegt werden sollen. Von den Bruttoerträgen beginnend bis hin zu dem Gewinn nach Steuern sind alle Facetten denkbar und kalkulierbar. Das Konzept zur Kalkulation der Earnings at Risk ist vollkommen identisch mit dem Cash Flow at Risk, nur der Input ist ein anderer.